Essay zu Umweltpassung

Umweltpassung – oder ein Weg zu einem Umgang mit Herausforderndem Verhalten

Vorbemerkung:

Warum mache ich mir Gedanken um Umweltpassung?

Nun, weil ich denke, dass Umweltpassung ein „Geheimtipp“ werden könnte für Alle, die mit Menschen umgeben sind – sei es beruflich oder privat – die durch Verhalten auffallen, das wir als auffällig bezeichnen, weil wir gelernt haben, so zu denken! Wir lernen von Anfang unseres Lebens, dass unser Verhalten „angepasst“ sein soll. Wir lernen sehr früh, dass nicht angepasstes Verhalten nicht erwünscht ist und dass es meistens repressive Folgen hat, wenn wir uns nicht wie erwartet verhalten. Das wird selten infrage gestellt und nicht selten wird das Erreichen von bestimmten Verhaltensnormen als Ziel von Erziehung und Bildung zum Selbstläufer. Es geht nicht darum, wem es etwas nützt, wenn alle sich angepasst verhalten, sondern dies ohne Einschränkungen zu tun, einfach um des Angepasst-Seins. Nicht auffallen in der Menge wird zu einer Tugend stilisiert. Das wiederum führt dazu, dass Menschen, die nicht der Norm entsprechen wollen und/ oder können, umso mehr zu Außenseiterinnen werden, weil wir auf Ausnahmen von Regeln nicht programmiert werden.

Gesellschaftlich bedeutet das, dass Menschen aus der Mitte der Gesellschaft verdrängt werden, wenn sie sich bestimmten Normen, vor allem Verhaltensnormen nicht unterwerfen wollen und/ oder können. Für die, die nicht wollen, scheint das kein Problem, sie haben diesen Weg ja gewählt, werden Sie unter Umständen sagen. Vielleicht aber auch nicht? Was, wenn diese Menschen den Weg aus der Gesellschaft suchen, weil diese ihnen gar keinen Platz bereit hält? Wenn es nicht ihrem inneren Programm entspricht, sich anzupassen, dann wird die Anforderung „Anpassen“ nicht erfüllt werden können. Und weil wir kein Programm für Andersartigkeiten haben, müssen diese „Querschläger“ eben entweder angepasst werden oder sie bleiben halt Außenseiter. In jedem Fall werden sie bestraft, aktiv oder passiv. Schließlich kennen wir genug restriktive Sanktionswerkzeuge, mit denen Kinder und Jugendliche und auch Erwachsenen „zur Räson gebracht“ werden!

Leider ist es in unseren gesellschaftlichen Systemen nicht vorgesehen, Platz für Alle zu schaffen und Alle in die Gemeinschaft hineinzunehmen. Inklusion ist entsprechend schwierig, nicht weil Lehrende oder Pflegende zum Beispiel nicht bereit wären, Inklusion zu tun, sondern weil ihnen weder ausreichend Fachkräfte zur Seite noch die entsprechenden Werkzeuge bereit gestellt werden.

Was wir zuallererst brauchen ist, wie ich finde, eine andere Sicht auf das Verhalten von Menschen, vor allem, wenn wir es als nicht angepasst und herausfordernd empfinden. Wir müssen endlich begreifen, dass nicht das Verhalten der Menschen falsch ist, sondern unsere Reaktion darauf ungünstig sein könnte, wenn wir das Gefühl haben, wir können die Probleme mit „verhaltensoriginellen“ Menschen nicht lösen. Die Menschen verhalten sich entsprechend ihren Möglichkeiten und Ressourcen vollkommen adäquat. Sie nutzen ihre Ressourcen, um uns mitzuteilen, dass in der momentanen Situation etwas für sie nicht stimmt und dass sie nicht die Mittel und Werkzeuge besitzen, das zu anders zu lösen. Viele – wahrscheinlich die meisten – besitzen auch nicht (mehr) die Möglichkeit, Werkzeuge zu lernen. Andere können das, allerdings zu einem hohen Preis, weil sie die eigenen Impulse die meiste Zeit kompensieren müssen, um sich selbst „passend“ zu machen. Das ist ein hoher Preis insofern, dass es Kapazitäten und Energie bindet, die an anderer Stelle sinnvoller eingesetzt wären, würden wir sie sein lassen, wie sie eben sind. Und würden wir ihnen zuhören und genauer hinsehen!

Lassen Sie uns einen anderen Weg versuchen! Sollten Sie den Eindruck haben, das sei aber doch so zeitaufwändig und im Rahmen Ihrer Möglichkeiten nicht machbar, rate ich Ihnen, zunächst einmal die Idee auf sich wirken zu lassen. Schon das wird Einiges in Ihrer Sicht verändern!

Und ich stelle Folgendes aus meiner Arbeitspraxis als Anregung in den Raum:

Eine alte Dame, die ich im Rahmen der Ambulanten Pflege jeden Morgen aufsuchte, war immer kaum zu bewegen, das Bett zu verlassen. Laut Aussage der Tochter war sie eher eine Langschläferin und wurde später angefahren, gegen 10 Uhr meistens. Bei der Einarbeitung erlebte ich, dass sie mehr oder weniger aus dem Bett genötigt wurde und die Pflegende dabei recht genervt war. Es fielen Sätze wie: „Jeden Morgen dieses Theater“. Ich wurde angewiesen, schon mal das Frühstück vorzubereiten, „damit es gleich schneller geht“ und die Dame wurde ins Badezimmer gedrängt, damit sie „endlich mal fertig wird“. Wir hatten Zeitdruck! Das war mir klar! Und dennoch hat diese Situation mit der Kollegin einen komischen Beigeschmack bei mir hinterlassen. Wir haben hinterher noch einmal darüber geredet und die Kollegin – die ich ansonsten als sehr lieb und geduldig erlebte – erzählte, dass sie halt von den Angehörigen übergeben bekommen hat, dass die Dame eben „schwierig“ sei. Ich habe dann darum gebeten, am nächsten Morgen etwas ausprobieren zu dürfen und habe meine Idee dargelegt. Das Gegenargument „Zeit“ habe ich entkräftet, indem ich vorgeschlagen habe, dass wir es anders probieren und wenn das nicht geht, noch einmal überlegen. Am nächsten Morgen bin ich leise bei der Dame rein gegangen und habe ein kleines Licht angemacht. Ich habe dann Kaffee gekocht, das Bad vorbereitet und bin mit einer Tasse Kaffee „zum Aufwachen, ne Frau ….“ zu ihr gegangen. Ich habe sichergestellt, dass sie sich im Bett gut aufrichten konnte und sie hat ihren Kaffee genossen, während ich das Frühstück so weit vorbereitet habe, dass wir nach dem Bad direkt anfangen konnten. Als ich wieder bei zu ihr hinein ging, sah sie deutlich wacher und sortierter aus und Waschen und Anziehen waren kein Problem. Sie hat Vieles allein machen können, weil sie sortierter war und beim Frühstück, das ich ihr nicht geschmiert habe, war sie gut gelaunt. Sie musste nicht wie sonst ermuntert werden, zu essen und so konnte ich aufräumen und das Bett machen und was sonst noch zu tun war. Wir waren übrigens 10 Minuten schneller als sonst und nach einer Teamsitzung haben wir das morgens alle so gemacht mit ihr! Bis auf kleine Ausnahmen ging das immer sehr gut – Tagesform ist eben auch etwas, das wir mitbedenken müssen!

Bevor Sie weiterlesen, lassen Sie das Beispiel einen Moment wirken! Ich denke, Sie verstehen, dass das Problem gar keins war. Wir mussten die Situation nur anpassen, dann war es gut.

Im Folgenden geht es in erster Linie um den Umgang mit Menschen, die neuronale oder emotionale Einschränkungen haben – oder Beides. Das betrifft Menschen mit Autismus und AD(H)S ebenso wie Menschen mit Depressionen, mit geistigen Behinderungen, mit Demenz, mit anderen Einschränkungen und Erkrankungen. Auch im Umgang mit Schwersterkrankten und chronisch Kranken ist Umweltpassung und die Frage danach, wie wir Herausforderndes Handeln betrachten und damit umgehen ein Thema. Eigentlich ist es immer Thema und Sie werden hier auch etwas mitnehmen können, wenn Sie mit keiner der genannten Einschränkungen oder Krankheiten oder Behinderungen oder Besonderheiten in ihrem Leben konfrontiert werden. Die Frage danach, warum ein Mensch tut, was er oder sie tut, ist immer spannend und löst einige Konflikte anders, als wenn wir menschlichem Verhalten wertend begegnen. Sie können es ja mal ausprobieren!

Wenn Sie im professionellen Bereich stationär oder ambulant pflegen, können die folgenden Gedanken Ihnen bei der Dokumentation und in Teamgesprächen helfen, Krisensituationen in einem anderen Licht zu sehen und ihnen unter Umständen helfen, andere Herangehensweisen zu installieren. Wenn Sie als Angehörige pflegen, gilt natürlich das Gleiche im Familienverband.

Manchmal klärt ein neuer oder anderer Blick entscheidend die eigene Herangehensweise und macht kreativer! Das funktioniert auch nicht immer und nicht sofort. Das macht gar nix. Wir sind keine Maschinen und dürfen probieren und üben! Tauschen Sie sich aus und lernen Sie voneinander, üben Sie und machen Sie mit Bauchgefühl mal was anders. Es kommt auf das Tun an und darauf, dass wir offen sind und bleiben, nicht darauf, perfekt zu sein! Diese Art miteinander umzugehen ist immer ein Lernen im Dialog und damit werden wir ein Leben lang nicht fertig! Lernen im Dialog bedeutet nämlich, mit offenen Ohren und Augen und Gefühlen auf Menschen zuzugehen und gemeinsam auch im Dialog an kreativen und individuellen Lösungen zu arbeiten!

Bevor ich nun auf das Thema Umweltpassung eingehe, ist es notwendig, Begriffe zu klären, damit es keine Missverständnisse gibt.

Was ist Herausforderndes Verhalten?

Wenn ich von Herausforderndem Verhalten spreche, dann ist vielleicht nicht sofort Allen klar, was ich damit meine.

Sie kennen Begriffe wie „aggressiv“, „unruhig“, „nicht zu erreichen“, „unmöglich“, „auffällig“ und und und …! Wenn Sie die einzelnen Begriffe nun einmal in sich wirken lassen, dann haben Sie auch Bilder dazu.

Nehmen wir einen Begriff heraus:

Bei „aggressiv“ sehen die Einen jemanden, der oder die schreit und sich „aufbaut“. Die Anderen sehen jemanden, der oder die mit Gegenständen wirft. Wieder Andere sehen unter Umständen jemanden schlagen, schubsen, drohen. Manche kommen ganz allgemein auf mehrere Beschreibungen des Begriffs. Einige beschreiben eigene Erfahrungen mit Aggressionen, vielleicht sogar sehr schmerzhafte und persönliche Erfahrungen, wenn sie Opfer waren oder sind.

Ähnliches können Sie beobachten, wenn Sie die anderen Begriffe aus der Liste wählen oder eigene Begriffe finden aus diesem Spektrum der Beschreibungsmöglichkeiten.

Das, was wir mit diesen Begriffen verbinden, ist höchst individuell und von eigenen Erfahrungen und eigenen Erlebnissen geprägt. Alle Begriffe sind ausgesprochen allgemein oder im Umkehrschluss nicht sehr präzise! Was genau bedeutet es, wenn ich jemanden als aggressiv beschreibe? Reicht das aus, um Verhalten zu entschlüsseln? Sie ahnen es – nein, das reicht bei Weitem nicht aus. Aggressiv ist eine oberflächliche Beschreibung von Verhalten, die die Bezeichnung „Beschreibung“ mitnichten verdient.

Die Begriffe sind keine Beschreibungen, sie sind schlicht Bewertungen von Verhalten. Bewertungen, die keine Deutungsspielräume zulassen: Wer sich so verhält, verhält sich schlecht!

Nun werden Sie einwenden wollen, wenn jemand aggressiv ist, dann verhält er oder sie sich doch schlecht!

Ich antworte Jein!

In erster Linie ist es schon mal grundsätzlich schwierig, Verhalten mit Bewertung zu versehen.

Stellen Sie sich einfach mal einen Moment vor, sie würden das Verhalten nicht mit aggressiv bewerten, sondern zunächst wertneutral beschreiben. Er oder Sie hat geschlagen, geworfen, geschrien – was auch immer. Das ist Beschreiben! Wertneutral und möglichst ausführlich beschrieben (mit einer Überlegung, wie die Situation ausgesehen hat, in der der oder diejenige sich so verhalten hat) wird aus Aggression vielleicht etwas Anderes. Vielleicht fallen Ihnen Dinge auf, die Ihnen bei einer schnellen Bewertung als „aggressiv“ entgangen wären. Das kann viele Aspekte beinhalten und eröffnet andere Wege, als eine Bewertung des Verhaltens.

Deswegen bezeichne (nicht nur) ich auffälliges Verhalten als „Herausforderndes Verhalten“! Das Verhalten fordert uns heraus! Es fordert heraus zu reagieren und wenn ich mir zuerst die Frage stelle, was genau das Gegenüber tut und dann die Situation und die Prämissen des Gegenübers ansehe, kann ich als nächstes die Frage stellen: „Warum tut ein Mensch das, was er oder sie tut?“

Damit habe ich etwas verändert:

Ich muss das Verhalten nicht persönlich nehmen. Auch wenn ich vielleicht davon ausgehe, dass ich irgendwie etwas damit zu tun habe, wie sich das Gegenüber verhält, ist es nicht persönlich. Es ist eine Reaktion auf etwas, das mit Ihnen vielleicht noch nicht mal etwas zu tun hat. Aber selbst wenn, ist es nicht persönlich! Vielleicht hat die Situation etwas beim Gegenüber getriggert? Vielleicht aber ist die Reaktion einfach einer Überforderung geschuldet? Das gilt es herauszufinden.

Also – das Verhalten des Gegenübers fordert heraus, die Situation anzusehen und das eigene Verhalten zu überdenken. Wenn das Verhalten etwas mit mir zu tun hat, was kann ich ändern? Das ist die Frage dahinter! Wenn die Situation das Verhalten des Gegenübers ausgelöst hat, was kann ich beim nächsten Mal an der Situation ändern? Das ist die andere Frage dahinter! Wenn das Verhalten ein typisches Muster für diejenige Person hat, dann ist die dritte Frage, warum ich denke, ich könnte sie derjenigen nun abgewöhnen. Wenn jemand das ganze Leben lang über alles und jeden geshcimoft hat, immer eine Meinung hatte und immer „motzig“ war, wieso glaube ich, dass das nun ausgerechnet jetzt anders sein sollte? Wie kommen wir dazu, erziehen zu wollen? Hilfreich einwirken wäre sinnvoller!

Das ist ein ganz anderer Ansatz! Wenn ich werte, fordere ich vom Gegenüber, dass es sein oder ihr Verhalten ändert. Wenn ich beschreibe, kann ich 1. helfend wirken für das Gegenüber, das Verhalten anzusehen und zu verändern, wenn das möglich ist, 2. Situationen besser verstehen und daraus darauf schließen, was mein Gegenüber benötigt, damit es dieses Verhalten nicht mehr braucht und 3. ressourcenorientiert denken und handeln. Werten ist Defizitorientierung, Hinterfragen ist Ressourcenorientierung. Gucken, welche Fähigkeiten ich mit dem Gegenüber stärken kann, um auf Situationen anders zu reagieren. Es geht darum, eine fragende Haltung einzunehmen! Fragen, warum ein Mensch tut, was er oder sie tut und welche Ressourcen und Möglichkeiten dahinter sind! Natürlich wird das schwieriger, je eingeschränkter die Möglichkeiten der Kommunikation sind, aber unmöglich ist es selten! Im Zweifel müssen halt alle Quellen zurate gezogen werden, die uns etwas über den jeweiligen Menschen sagen können! Dazu werde ich in weiteren Essays über Validation und Biografiearbeit zum Beispiel etwas sagen!

So weit meine grundlegenden Überlegungen zu Herausforderndem Verhalten.

Umweltpassung

Was bedeutet Umweltpassung? Einfach zusammengefasst bedeutet es schlicht, die Umwelt für jemanden anzupassen, damit er oder sie sich ausreichend wohl und sicher fühlt.

Für mich – und da werden mir einige „Expertinnen“ widersprechen wollen – ist Umweltpassung im Grunde die große Überschrift über alle Maßnahmen, die dazu führen, dass ein Mensch, der sich selbst nicht (mehr) in der ihn oder sie umgebenden Welt zurecht findet, sich sicher und wohl fühlt! Sich sicher und wohl zu fühlen sind Grundbedürfnisse des Menschen, die von Anfang an da sind und die nie aufhören!

Sie werden sich unter Umständen wundern, warum das so explizit erklärt werden muss! Ist das nicht selbstverständlich?

Lassen Sie uns mit einem allgemeinen Beispiel auf den Begriff sehen:

Wenn wir auf die Welt kommen, werden wir gehegt und gepflegt und dann wachsen wir ein wenig heran und entdecken unsere Welt. Für die meisten Menschen ist es selbstverständlich, die Umwelt so zu gestalten, dass das Baby oder Kleinkind sich nicht verletzen und in Gefahr bringen kann! Ich sehe Sie nicken! Klar ist das so. Auch das ist natürlich eine Form der Umweltpassung! Mit der Zeit werden die Sicherungen an das Alter des Kindes angepasst. Wenn es mobiler wird, dann muss das ein oder andere neu oder anders gesichert werden, andere Dinge nicht mehr, weil das Kind sicherer wird. Einige Eltern sind ängstlicher, andere weniger. Und ab da wird es spannend! Die Disposition der Eltern bestimmt, wie viel Umweltpassung sie für nötig halten und wie viel dem Kind zugetraut oder zugemutet wird. Sie merken, ich fange schon an zu differenzieren!

Wenn Eltern sehr vorsichtig sind, dann wird das Kind auf Gefahren programmiert. Es wird entsprechend in bestimmten Situationen ängstlicher reagieren als andere Kinder, deren Eltern mutiger sind. Dann gibt es Eltern, die an Gefahren gar nicht so viel denken und deren Kinder sehr früh lernen, allein klar zu kommen. Wir erleben diese Kinder als draufgängerisch und mutig und unabhängig, aber auch unter Umständen als schwer lenkbar und „erziehungsresistent“ .

Für die Kinder mit den ängstlicheren Eltern heißt das Verhalten der Eltern, dass sie nicht ausreichend lernen, sich zu trauen, selbstbewusst auf unbekannte Situationen zuzugehen, zu unterscheiden, was ist gefährlich was nicht… Das scheint nicht günstig, weil das Kind in dem Fall nur wenig Ressourcen entdecken und entwickeln kann. Für ein Kind, dessen Eltern sich eher kaum kümmern bedeutet das, dass ihnen Ressourcen abverlangt werden, die sie eigentlich altersgemäß noch gar nicht haben können. Sie lernen keine gesunde Vorsicht und werden nicht ausreichend beschützt. Beide haben gemeinsam, dass ihre Umweltpassung nicht günstig ist. Ihre Umwelt sorgt nicht dafür, dass sie altersgerecht ihre Ressourcen entwickeln und entdecken können – den einen wird der Rahmen zu eng gesteckt, den anderen zu weit! Beides aber passt nicht zu den Möglichkeiten und Fähigkeiten des Kindes – die Umwelt passt nicht. Die Kinder werden entsprechend auf Situationen reagieren, die eben damit zu tun haben – entweder zu ängstlich oder zu draufgängerisch.

Eine Umweltpassung würde bedeuten, dass die Kinder altersgemäß lernen, Gefahren einzuschätzen und ihnen adäquat zu begegnen.

So weit ist der Begriff an sich deutlich, denke ich!

Was hat nun Umweltpassung mit Herausforderndem Verhalten zu tun?

Wieder ein Beispiel:

In einer WG für Menschen mit Demenz lebte ein älterer Herr, der sein Leben lang Kneipenwirt an einem sogenannten „sozialen Brennpunkt“ war. Ein Ort, an dem ein Kneipenwirt sicherlich nicht mit Höflichkeitsfloskeln um sich wirft und sich seiner Haut zu erwehren weiß. Leider war jener Mann auch für seinen – nennen wir es problematischen – Umgang mit Frauen bekannt. Jemand, dem zu begegnen immer mal eine Herausforderung war.

Dieser Mann nun blieb abends immer lange auf, kassierte gegen 1 Uhr das letzte Bier und ging dann ins Bett, um morgens bis mindestens 11 Uhr zu schlafen. So war er es gewohnt, so wurde es gemacht. Umweltpassung! Nun musste er aus verschiedenen Gründen morgens und abends getaktet seine Medikamente nehmen. Spätesten um 8 Uhr wurde es morgens Zeit zu ihm hineinzugehen, ihn kurz zu wecken und zum Nehmen seiner Medikamente zu bewegen. Wir sind ja jetzt eher darauf erzogen worden, auch in der Ausbildung, höflich und vorsichtig mit Menschen zu sein. Dementsprechend war mein erster Versuch folgender: „Guten Morgen Herr …. , ich will gar nicht lange stören, aber Sie müssten mal eben ihre Medikamente nehmen.“ Was soll ich sagen – ich wurde arg beschimpft, mir wurden Schläge angedroht (sein Benehmen seinen Ehefrauen gegenüber wurde hier eindrücklich belegt!) und als ich fluchtartig das Zimmer verließ, flog sein Trinkglas hinter mir her. Ähnliche Reaktionen hatten alle zu erwarten, die es wagten, früh bei ihm im Zimmer aufzutauchen. Ebenso konnte er in vielen anderen Situationen sehr unangenehm sein, er schimpfte, beschimpfte, fluchte, schlug und ja – er war einer von denen, die gern mal „anfassten“, wenn eine Frau gut gebaut war.

Erste Reaktion im Team: Empörung! Wie kann der so mit Dir umgehen, was fällt dem ein, was ein Macho, ist ja ekelhaft! Völlig zu Recht, werden Sie nun denken. Das geht ja nun auch mal gar nicht.

Bis wir etwas anderes probierten, nachdem wir eine Fallbesprechung über ihn gemacht hatten, in der wir einiges mehr über ihn erfahren und verstanden haben.

Wir waren zu höflich! Das ist dem in der WG ja auch dauernd auf die Nerven gegangen. Wie oft hat er uns nachgeäfft, weil er mit diesem ganzen „Wischiwaschi-Gelaber“ schlicht nichts anfangen konnte. Der war anders programmiert! Wenn Sie von ihm was wollten, was ihn störte, dann war der gute Mann schlicht genervt und hat mit seinen Programmen oder mit seinen Werkzeugen darauf reagiert.

Also, es war an mir, einen neuen Versuch zu starten! Punkt 8 Uhr also rein mit Tablette und schwitzenden Händen! Hin zum Bett, einmal angestupst, laut und deutlich angesprochen: „Herr …, machen Sie mal die Augen kurz auf, Sie müssen Ihre Tablette nehmen, hat der Arzt verordnet!“ Normale Reaktion von ihm mit Geschimpfe und Gefluche! Meine Antwort: „Ist mir egal, was Sie meinen, die Tablette muss rein, hat der Doc gesagt, also zack jetzt und fertig. Stellen Sie sich nicht an wie ein Mädchen! Meine Güte aber auch, ein Kerl wie Sie wird ja wohl verkraften, wenn er mal eben ne Tablette nehmen soll!“ Nicht besonders freundlich, sondern energisch und laut! Ein gegrummeltes „Gib schon her den Scheiß, mit dem der Kurpfuscher seinen Porsche verdient!“ und das Thema war durch!

Ich sehe Sie entsetzt den Kopf schütteln! Das geht doch nicht sowas!

Nun ja – Sie haben Recht. Eigentlich geht das gar nicht und wenn ich mit den Damen in der WG so geredet hätte, hätte die sehr wahrscheinlich der Schlag getroffen! Nein, generell geht das natürlich nicht.

Warum geht das also hier?

Das ist Umweltpassung – auch wenn das schwer zu glauben ist! Der Mann hat jahrzehntelang in einer Umgebung gelebt, in der ein solcher Ton herrschte und das Überleben sicherte. Wenn Du in einer Brennpunkt-Kneipe nicht „Deinen Mann stehst“, dann wirst Du da nicht lange unversehrt sein! Ganz einfach! Nun ist der Mann dement geworden und in eine Umgebung gebracht worden, die einen klaren Gegensatz zu seinem bisherigen Leben darstellte. Er war nicht mehr stark und unabhängig, zumindest nach außen hin. Aber in seinem Selbstbild war er es und konnte durchaus seinen Mann stehen. Sein Verhältnis zu Frauen war sein Leben lang davon geprägt, dass er der Mann im Haus war, was er auch mit Gewalt durchsetzte. Bis auf seine letzte Ehefrau, die sich das nicht gefallen lassen hat. Die konnte ihm Paroli bieten und nach Aussagen seines Sohnes was sie seinen große Liebe! Außerdem wurde in dem ihn umgebenden Milieu laut und klar gesprochen! Punkt um!

Wir begegneten ihm auf jeder Ebene mit einem Verhalten, das nicht seinen Prägungen, seinem Programm entsprach und durch die Demenz war ihm jede Möglichkeit genommen, sein Verhalten zu abstrahieren und auf uns einzustellen. Das geht mit einer Demenz schlicht nicht.

Was also haben wir genau getan?

Wir haben das Verhalten seiner letzten Frau kopiert, das uns der Sohn geschildert hat. Sie wusste schließlich offensichtlich sehr genau, wie sie mit ihm umzugehen hatte. Also haben wir lauter und deutlicher geredet. Wir haben Höflichkeitsfloskeln weggelassen, die ihn so genervt haben. Wir haben den Sprachduktus geändert und auch mal einfach zurück- oder mitgeflucht! Das haben wir auch in der Körperpflege und anderen Situationen getan und damit die Umwelt – also uns – seinen Bedürfnissen angepasst. Dass wir dabei auch die Themen „Biografiearbeit“ und „Vertrautheitsprinzip“ und „Validation“ mit behandeln ist Ihnen längst aufgefallen! Die Themen sind so eng miteinander verknüpft, dass das gar nicht anders geht! Sprachduktus anpassen hat natürlich viel mit Validation zu tun und biografisches Wissen und Denken ist zwingend Voraussetzung dafür, dass Umweltpassung möglich wird! Passende Umwelt hat an dieser Stelle was damit zu tun, was Gewohnheiten ausmacht!

Umweltpassung kann also bedeuten, dass ich mein Verhalten und meine Reaktionen dem Gewohnten anpasse und damit mich passend mache.

Ein anderer Aspekt der Umweltpassung ist natürlich eine Anpassung der Um-Welt! Es muss Alles den Bedürfnissen und Fähigkeiten angepasst sein, die das jeweilige Gegenüber hat. Das bedeutet, Platz zu schaffen und Stolperfallen zu vermeiden, wenn ein Mensch bewegungs- oder wahrnehmungseingeschränkt ist! Das leuchtet uns ein, nicht wahr! Das kann auch bedeuten, dass eine Rollstuhlfahrerin sich barrierefrei bewegen können soll und entsprechende Umbauten nötig sind oder entsprechende Hilfestellungen für Sehbehinderte installiert werden. Das Alles leuchtet ein und wir sehen ja auch zum Glück und leider immer noch zu wenig entsprechende Maßnahmen in der Öffentlichkeit umgesetzt. Schwieriger wird es schon, wenn wir Menschen mit Behinderungen ansehen, die sich nicht auf (rein) körperliche Einschränkungen beziehen?

Wieder ein Beispiel:

Eine junge Frau, die durch Sauerstoffmangel bei der Geburt schwere geistige und körperliche Behinderungen hatte und somit in ihrer Selbständigkeit extrem eingeschränkt war, weil sie bei Allem, was sie tun wollte und sollte Unterstützung brauchte, lebte in einer Einrichtung für Menschen mit Mehrfachbehinderungen. Sie war 20 Jahre jung und konnte nur einzelne Worte sprechen. Meistens verständigte sie sich mit Lauten und Gesten, die ebenso schwer zu deuten waren, wie ihre Wortsprache, weil alles an ihr fahrig und unkoordiniert war. Sie besaß aber eine Art Computer, mit dem sie kommunizieren konnte. Der sprach laut aus, was sie eintippte. Die Tatsache, dass sie tippen konnte und das in einem nicht unbeträchtlichen Tempo, hätte mich von Anfang an darauf bringen können, dass sie sehr viel mehr Ressourcen und Potenzial hatte, als wir annahmen. Sie musste uns das erst beweisen, damit wir anders und ihrem Entwicklungsstand entsprechend mit ihr umgingen. Folgendes passierte: Sie war an den Wochenenden immer zu Hause und von dort aus wurden dann so Dinge erledigt, wie Kleidung kaufen, Friseurbesuch, Bücherkauf und was so anlag. Wir haben nie infrage gestellt, dass die Mutter die Einkäufe mit ihr zusammen erledigte und mit ihr auch so Dinge wie Ihre Frisur besprach. SO wurde es uns von den Eltern vermittelt und es schien ein vertrauensvolles und entspanntes Verhältnis zu bestehen.

Schien! Eines Samstags Morgens erlebte ich, dass jene junge Frau sich weigerte, das Bett zu verlassen und immer wieder schrie „Geh weg!“ Sie wollte nicht aufstehen und nachdem wir alle unser Glück versucht hatten und kein Zureden, kein Drohen, kein Bitten und Betteln sie bewegen konnte, sich beim Aufstehen helfen zu lassen, habe wir sie dann in Ruhe gelassen! Wir dachten, die Mutter würde das schon geklärt bekommen. Wir haben ihr ein Frühstück gebracht und ihr im Bett beim Essen zubereiten geholfen, haben ein bisschen Hygiene durchgesetzt und dann gewartet, was passierte, wenn die Mutter zum Abholen kam. Heute sollte es Kleidung und sogar Möbel kaufen gehen!

Die Mutter kam, wir waren gespannt und dann laut und deutlich „Will nicht! Geh nicht mit! Weg geh!“ Völlig ratlos kam die Mutter zu uns, wie berieten uns und beschlossen, der jungen Frau vorzuschlagen, dass sie dieses Wochenende in der Einrichtung bleiben könne, zumal abends Kinoabend sein sollte. Die junge Frau stimmte zu, kaum dass die Mutter weg war, bat sie uns, ihr beim Aufstehen zu helfen und war das ganze Wochenende vergnügt. Am Telefon ließ sie der Mutter ausrichten, es sei Alles gut!

Von nun an machte sie dieses „Theater“ jeden Samstag! Vier Wochen lang wussten wir uns nicht zu erklären, was da los war. Sie dürfen jetzt zu Recht einwenden, dass wir unter Umständen nicht die richtige Person gefragt haben! Es war so! Wir haben mit der Mutter über mögliche Motivationen gesprochen. Wir haben wie selbstverständlich hingenommen, dass die Mutter stellvertretend die Gefühle ihrer Tochter benennt! Als hätten wir nicht verstehen können, dass die Mutter die Gefühle ihrer Tochter nur durch einen Filter sieht und beschreibt. Durch den Filter der eigenen Gefühle und Vorstellungskraft nämlich! Wie sollte denn die Mutter genau wissen, wie es in der Tochter aussieht, wo sie doch nicht in der Tochter steckt! Da steckt nur die Tochter selbst und die haben wir an diesem Mittag beim Kochen aus Versehen gefragt! Meine Kollegin redete mit mir – Achtung! – über die junge Frau, die auch anwesend war! Fragte mich, ob ich eine Idee hätte, was ich verneinte. Daraufhin zog es plötzlich an meinem Shirt und die junge Frau sagte recht energisch „Komm!“ In ihrem Zimmer ließ sie den Computer Folgendes sagen: „Ich will nicht mehr mit meiner Mutter einkaufen, weil sie mich nie fragt, ob mir das gefällt, was sie aussucht! Die kauft immer so Kindersachen und ich bin doch erwachsen!“

Bum!

Nun, wir haben das Problem dann mit der Mutter lösen können, die einfach lernen musste, dass sie nicht für die Tochter entscheiden und reden darf! Dass ihre Tochter ein Recht darauf hat, ihr Zimmer, ihre Um-Welt, nach ihren Wünschen zu gestalten. Ebenso ihre Kleiderwahl. Die Frisur! Weil sie doch erwachsen war! Natürlich!

Was ist hier passiert?

Eine erwachsene junge Frau sieht sich mit der Tatsache konfrontiert, dass sie durch ihre Kümmernden auf ihre Behinderungen reduziert wird – defizitorientiertes Denken! – und ihr keinerlei Reifung und Entwicklung zugetraut und zugestanden werden! Sie wird im Kind-sein gehalten! Ihre Um-Welt wird nicht ihren geänderten Bedürfnisse angepasst! Sie wird auf Behindert-sein und Bedürftig-sein reduziert und keine ihrer Ressourcen wird genutzt! Sie kann kommunizieren, aber keiner tut das zielgerichtet. Aufgrund ihrer Einschränkungen wird sie nicht mehr als Persönlichkeit wahrgenommen. Ihre Möglichkeiten werden unterschätzt und ihre Potenziale untergraben! Bis sie einen sehr kreativen Weg findet, sich Gehör zu verschaffen! Weil sonst Alle immer zu schnell sind!

Hier ist Umweltpassung, die direkte Um-Welt, also das Zimmer und die Einstellung der Kümmernden, an veränderte Bedürfnisse und Entwicklungen anzupassen. Dazu müssen wir aber ernsthaft verstehen, dass wir immer nach Wegen suchen müssen, Kommunikation erfolgreich zu machen und zu verstehen! Dann können wir Umwelt passend machen für die, die nicht selbst eine Passung herstellen können.

Ich könnte hunderte Beispiele erzählen über nicht angepasste Umwelt, die zu Herausforderndem Verhalten geführt haben! Sie werden nach der Einführung über Herausforderndes Verhalten mitgelesen haben, dass ein Verstehen des Verhaltens – quasi das Annehmen der Herausforderung – dazu geführt hat, die Situationen zu entschlüsseln und entsprechend anders auf die Beteiligten einzugehen. Das ist Umweltpassung! Verstehen und Anpassen.

Zusammenfassung:

Umweltpassung ist:

  • Zu verstehen, an welchen Stellen Betroffene sich und ihr Verhalten aus den verschiedensten Gründen nicht an die Gegebenheiten ihrer Umwelt anpassen können. Das heißt, zu fragen: „Warum tut ein Mensch, was er oder sie tut?“ Um das herauszufinden jede Quelle und Möglichkeit und vor allem auch die Ressourcen der Betroffenen nutzen!
  • Aus dem Verstehen eigenes Handeln machen. Überlegen, was an der Umwelt oder dem eigenen Verhalten wie angepasst werden kann! Welche Methoden brauchen wir? Wer kann das am besten leisten? Ja – auch das ist wichtig!
  • Ausprobieren, verwerfen oder beibehalten, neu probieren und immer miteinander reden. Sie werden am Verhalten der betreffenden Person sehr deutlich merken, ob es passt. Es werden je nach dem immer wieder neue Anpassungen nötig sein. Bleiben Sie kreativ! Das einzige, das Sie falsch machen können, ist dass sie nichts machen! Lernen Sie fröhlich aus Misserfolgen und erzählen Sie die auf jeden Fall weiter. Andere lernen auch davon!

Also ist Umweltpassung denen, die sich nicht mehr anpassen können, einfach die Umwelt zurecht zu rücken und quasi um sie herum zu bauen und zu gestalten!

2 Antworten auf „Essay zu Umweltpassung“

    1. Sehr sehr gern! Wenn es weitere Fragen dazu gibt, gern melden!
      Ich bin gerade dabei, das Essay noch einmal zu überarbeiten und zu ergänzen.
      Danke für die Rückmeldung!

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